Rhythmen der Verwandlung
Dieser Text von Judith Annaheim erscheint anlässlich der Publikation «Lebenskreise»

Die in dieser Publikation gefassten Werke beschreiben Zyklen auf verschiedenen Ebenen. Sie sind thematisch verbunden durch das Sterben des Vaters der Künstlerin und spiegeln den sich vollendenden Lebenskreis. Durch die bewusste Auseinandersetzung hat Roswitha Louwes gleichzeitig einen eigenen Erfahrungszyklus geschaffen, der emotional und künstlerisch in einen Neuanfang mündet.

Ab Anfang Dezember 2016 bis zum Tod ihres Vaters am 13. Januar 2017 und darüber hinaus hat sie in kurzen Notizen und mit Datum versehen ihre Erfahrungen aufgezeichnet. Parallel dazu arbeitete sie in Bildern, wodurch sich ihr weitere Ebenen jenseits der Worte eröffneten.

Die Bilder sind allerdings keine direkte Übersetzung der Ereignisse und haben nichts Erzählerisches. Sie führen einen künstlerischen Weg des Experimentierens mit Linien, Kreisformen und Farben weiter, der in einer 2016 erschienenen Publikation dokumentiert ist. Diese und auch die aktuellen Werke basieren auf Meditationen. In Resonanz mit der gegenwärtigen Realität und dem Körpergefühl stellen sich Bilder ein. Wiederholung, sorgfältig angeordnete Elemente, die einzeln oder in rhythmischen Konstellationen in die weisse Fläche gesetzt werden, bilden die Grundgestaltung. In diesem Prozess ist Roswitha Louwes von einer zeichnerisch-malerischen Technik dazu übergegangen, das Papier mit aufgeschnittenen Randen zu bedrucken. Die daraus entstandenen unregelmässigen Kreisflächen haben in ihren Umrissen und Schattierungen durchaus Ähnlichkeiten mit den zuvor gemalten Kreiselementen. In der vorliegenden Serie wird der Kreis nun zum Grundformat, in dem sich alles abspielt, und gleichzeitig zum starken tragenden Symbol.

In einer Kombination von Malerei und Drucktechnik trägt Roswitha Louwes Farbe, Pigmente oder Gesteinspulver auf Randen- oder Rettichstempel auf und überträgt sie damit auf das Papier. Nichts wird nachträglich hinzugefügt. Die Ästhetik und das Potenzial des zufällig Entstehenden sind faszinierend und weisen dem Schaffensprozess die Richtung. So werden die Kreisflächen für die Künstlerin auch zum Spiegel des Unsichtbaren und erschliessen weitere Möglichkeiten des künstlerischen Ausdrucks und der Selbsterforschung.

Innerhalb dieser Serie ist eine Entwicklung ablesbar. Die neuesten Werke, datiert und betitelt mit 2.4.2017, strahlen Leichtigkeit und Lebendigkeit aus, zeigen silbrig schillernde Übergänge oder fröhlich verstreute Farben, erzählen von einem zarten Neuanfang. Im Gegenlicht erscheinen die Silberflächen, denen der Rettich eine strahlenförmige Struktur verleiht, beinahe transparent und immateriell. Auf einzelnen Blättern wird mit einem Stempel, der einem Kreissektor entspricht, das Strahlenförmige aufgegriffen, sodass eine Art Schmetterlingsflügel entstehen – gleichermassen eine Referenz zur Seele, zu Transformation und Freiheit.

Nur noch vereinzelt taucht in dieser dritten Phase das dunkle Gesteinspulver auf, das die ersten Gestaltungen prägt. Diese sind erdig, physisch, erinnern ebenso an Körperzellen wie an Prozesse der Umwandlung oder Zersetzung von Materie im Grossen und im Kleinen. Der Stein ist zudem eine Verbindung zum Vater, der aus einer bergigen Gegend, dem Lesachtal in Kärnten, Österreich, stammte. Die Kombination von Gesteinspulver mit Goldtusche könnte – neben anderen Assoziationen – als Beispiel dienen für die Kraft von Bildern als Informationsträger: Über die Herkunft von Gold auf der Erde ist bekannt, dass es unter anderem durch vulkanische Prozesse wieder an die Erdoberfläche kam, nachdem alles Gold aufgrund seiner hohen Dichte in den Erdkern abgesunken war.

Dazwischen stehen die Bilder in Ultramarinblau, die Erfahrung von Tiefe und Unendlichkeit um das Ereignis des Todes. Durch eine minimale Bewegung der Hand im Moment des Druckens erfährt der Kreis eine leichte Verschiebung, und eine Herzform taucht auf. Die Achtsamkeit solchen Feinheiten gegenüber prägt den ganzen Arbeitsprozess, vom Aussuchen der Gemüse für die Druckstempel, über die Wahl der Farbpigmente bis zur Aufmerksamkeit beim Wandern gegenüber den Steinen.

Die Entstehung der vorliegenden Arbeiten konzentriert sich hauptsächlich auf vier Tage intensiven Eintauchens in die Sprache der Bilder. Indem Roswitha Louwes mit dem Mittel der Wiederholung in einer horizontalen Reihe arbeitet, können Phänomene vielfältige Gesichter annehmen. Durch die verschiedenen Phasen zeigen sich Nuancen ein und derselben Form, die zusammen einen Klang erzeugen. Alle Werke der Serie sprechen von der Wandelbarkeit des Lebens, von Übergängen, Bewegung, Rhythmus – wie Ein- und Ausatmen verhalten sich Leere und Fülle, Weissraum und Farbe.